KaiObis Blog

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#Lehrermangel? Ich stehe bereit. #Hilferuf #Referendariat #quovadis #ZahlenBitte

Von einem, der auszog, das Lernen zu lehren…

Da ich mittlerweile im schönen Schleswig-Holstein wohne, habe ich mich hier oben für das Referendariat beworben. Überall hört man von Lehrermangel (wie zum Beispiel in der LN, aber auch in der SHZ und sicher auch noch an ganz vielen anderen Stellen). Meine Nachhilfeschüler klagen auch regelmäßig über ausfallenden Unterricht, gerade in den MINT-Fächern, die ja laut BMBF sehr wichtig sind, helfen sie doch, die Welt um uns herum besser zu verstehen.

Dennoch warte ich seit gut zwei Jahren auf meine Stelle. Vor gut einem Jahr, nach einer Ablehnung, hatte ich dann die „Faxen dicke“ und habe eine Anfrage über „FragDenStaat“ gestellt, im vorletzten Halbjahr darauf und vor kurzem auch nochmal. Die daraus resultierenden Zahlen waren… ernüchternd.

Zunächst: nach eben jenen Zahlen scheinen (fast) alle Lehrerstellen besetzt zu sein. Dies ist interessant, vergleicht man die persönlichen aber auch in den Medien bekannten Aussagen, dass ständig Unterricht ausfällt. Dabei sind 802 öffentliche allgemeinbildende und berufsbildende Schulen ausgewiesen worden. Das macht ganze 28,3 Lehrer pro Schule. So weit, so statistisch. Effektiv fallen pro Schuljahr einige Kollegen durch Krankheit aus, machen Sabbatjahr, gehen in Schwangerschaftspause… kurzum: Sobald einer ausfällt, wird sich das im Schulalltag bemerkbar machen. Die Daten werden statistisch übrigens nicht umfassend erfasst – oder zumindest nicht die über die ausfallenden Lehrkräfte. Seit meiner vorletzten Anfrage bekam ich Statistiken zum Unterrichtsaufall:

UAusfall

Dennoch fand ich im letzten Schuljahr keine Aushilfslehrstelle, um zumindest ein wenig mehr Schulpraxis zu bekommen, als ich sie derzeit im Nachhilfeinstitut bekommen könnte. Im Übrigen konnte man mir bei meiner ersten Anfrage dazu keine Auskunft geben, wie viele Hilfslehrer im Einsatz sind, da man diesen Begriff gar nicht kenne. In der zweiten Anfrage war ich schlauer und fragte anstelle nach ‚Hilfslehrern‘ nach dem gültigen Begriff: „Es handelt sich um für Lehrtätigkeit eingesetzte Personen, die nicht die Befähigung für ein Lehramt besitzen.“ Davon gab es auf 502 Stellen gesamt 859 Personen. Bei 797 Schulen also etwa 0,6 Stellen pro Schule.
Gehen wir davon aus, dass das natürlich vor allem in Universitätsstätten vorkommt, wo dann auch entsprechende Student*innen an den Schulen arbeiten könnten – dennoch ist diese Zahl so niedrig, dass hier klar wird: Wenn die Schulen könnten, würden sie sicher mehr Leute einstellen und nicht nur Pensionierte zurückholen. Es fehlt also sicher eher an Geld für das Personal, wie mir auch bei diversen Vorstellungsgesprächen von Schulleitern versichert worden ist.

UVertretung
Ein Kollege von mir, studierter Physiker, Quereinsteiger, der zunächst Berufserfahrung sammeln muss, um den Quereinstieg machen zu können, fand jetzt nach einem Jahr eine Stelle in einem 75km entfernten Ort. Um dort besagte praktische Erfahrungen machen zu können. Noch nicht den Quereinstieg, aber der kommt dann nach einem Jahr Praxiserfahrung – und danach wird er vermutlich wieder umziehen müssen. Dabei ist der Quereinstieg auch nicht zwangsweise die leichteste Wahl in Schleswig-Holstein, da die Auswahl der Schulformen stark begrenzt wird.

Faktencheck

Kommen wir zu weiteren Fakten: Auf 465 Referendariatsplätze (Stand 01.02.2018) bewarben sich gut 1216 Personen. Das macht eine Abdeckung von 261%. Dabei gibt es keine spezielle Aufschlüsselung nach Fächern, da diese Daten statistisch nicht erfasst werden – [update] zumindest wird, seit meiner zweiten Anfrage, auch die Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen mitgeliefert. Dabei sind Bewerber*innen für das Gymnasium deutlich stärker vertreten als für Grundschulen. Ein Umstand, der auch der Presse auffiel, denn bald herrscht in diesem Sektor Lehrermangel. Vielleicht würde eine gleiche Bezahlung der Lehrkräfte hier einiges tun. Schleswig-Holstein geht einen ersten Schritt und wird Lehramtsanwärter*innen ab 2019 60€/Monat mehr zahlen.
Mecklenburg-Vorpommern ist da kreativer: Der Vorbereitungsdienst mit Doppelqualifikation – „Referendarinnen und Referendare des Lehramts an Regionalen Schulen erwerben neben dem Zweiten Staatsexamen für das von ihnen studierte Lehramt die Unterrichtserlaubnis für die Tätigkeit an Grundschulen. Referendarinnen und Referendare des Lehramts an Gymnasien erwerben neben dem Zweiten Staatsexamen eine Unterrichtserlaubnis für die Tätigkeit an Grundschulen oder Regionalen Schulen.“

Da aktuell ja in der Presse davon gesprochen wird, dass bis 2025 ganze 1 Millionen zusätzliche Schüler zu erwarten sind, und die Überalterung sicher nicht nur in Thüringen und NRW ein Problem ist, finde ich diese Zahlen absolut bedenklich. Wie kann es sein, dass überall von Lehrermangel geschrieben wird, aber letztendlich keine ausreichend starke Lehrerausbildung stattfindet? Immerhin will Schleswig-Holstein digital voran gehen, aber der Interessenverband DiWiSH sieht eher ein Handicap in der aktuellen Entwicklung. Achja: Und wir schaffen im „echten Norden“ G8 wieder ab. Braucht es da nicht auch dringend mehr Lehrer, bei einem weiteren Jahr Beschulung?

Die Lehrer(in) aus Leidenschaft (@LeAuLei) hat sich bezüglich der aktuellen Anforderungen und Belastung der Lehrer*innen im Februar 2018 ein paar Gedanken gemacht:

[Übrigens ein längerer „Thread“ auf Twitter. Unbedingt durchlesen!]

Persönliches (Zwischen-)Fazit

Überall wird nach Lehrern geschrien, die Zahlen zeigen aber: Ausbildung der Lehrkräfte ist zumindest in Schleswig-Holstein nicht im Fokus. [Daten zu Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sind bereits angefragt – zumindest von Hamburg kam ein „das wird aber echt Arbeit“ zurück. M-V hat bisher nicht einmal reagiert, vermutlich sind sie zu analog, um auf digitale Anfragen zu reagieren.]
Dazu kommen die Erfahrungen von mir, meinen Kollegen und Bekannten: Es ist nicht einfach, Lehrer zu werden, und die Arbeit wird hinterher auch selten leichter – oder gar wird es einem gedankt, wenn man von all den Helikoptereltern und dem Lehrerbashing liest. Bildung, wohin gehst du? Tatsache ist, dass ich mir mittlerweile einen Anwalt genommen habe, um den Fall zu beschleunigen. Letztendlich will ich doch „nur“ Lehrer werden. Bitte, lasst mich!

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Eine Antwort zu “#Lehrermangel? Ich stehe bereit. #Hilferuf #Referendariat #quovadis #ZahlenBitte

  1. Anonym234 18. Mai 2018 um 09:04

    Das System verprellt auch leider die falschen Leute. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele Junglehrer, die mit großem Eifer, tollen Ideen und hohen Ansprüchen an sich selbst in den Lehrerberuf gestartet sind. Und nur 2-3 Jahre später sind sie schon so ausgelaugt und demotiviert von der Trägheit der Behörde „Schule“.

    Ich selbst bin ausgebildeter Lehrer (Mangelfach Informatik!) und bin direkt nach dem Referendariat abgesprungen. Die Schule war mir zu starr und die (Fach-)Kollegen zu weit weg von ihrer Fachlichkeit und Fachdidaktik. Es nervte und war viel Arbeit für wenig Anerkennung.

    Jetzt arbeite ich in einem Softwareunternehmen mit ~200 Mitarbeitern und bin äußerst glücklich über flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und qualifizierte Kollegen. Es ist eine ganz anderer Welt da draußen.

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