KaiObis Blog

So kann mans auch sehen…

Tangentenpädagogik, die: Am Ist vorbei lehren.

Man ist im Kreis oder drumrum.

Letztens haben wir im kleinen Kreis darüber diskutiert, ob es einen Begriff dafür gibt, wie aktuell Technik in den Schulen verwendet wird. Ich dachte an die Gespräche mit meinen (Nachhilfe-)Schülern im letzten Schuljahr. Seit Jahren scheinen Schulen  an den technischen Gegebenheiten und dem Fortschritt vorbeizulehren. Als Mathematiker kam mir da die Tangente in den Sinn: Technik berührt die Pädagogik, kann sie aber nicht durchdringen. Ich dachte, den Begriff schonmal gehört zu haben, aber eine Google-Suche führte zu keinem Ergebnis. Darum: Spinnen wir mal rum!

Sekanten, Tangenten, Passanten.

Technik ist heutzutage allgegenwärtig, in den Schulen aber größtenteils verboten. Das wären die Passanten: Sie ignorieren und meiden die Technik und werden damit nicht in Berührung kommen, von „Laborexperimenten“ wie dem Informatikunterricht abgesehen.

„Innovation“ von thinkpublic. CC-BY-ND

Dann gibt es eben jene Schulen, die lockere Bestimmungen haben, was Smartphonenutzung angeht. Das wären die Tangenten: Sie nehmen die Technik wahr, nehmen sie aber nicht in ihren inneren Kreis auf. In der Regel heißt das, dass Smartphones in den Pausen genutzt werden dürfen. Sie finden aber nur in seltenen Fällen einen Einsatz im Unterricht, maximal als „Google-Suchmaschine“. Meine Schüler berichten hier aber von enormer Skepsis der Lehrer. Natürlich bekommt man hier nur Faktenwissen geliefert, was nicht bedeutet, dass man den Stoff verinnerlicht hat. Aber hier müsste der Lehrer eben ansetzen und zur Diskussion anregen, moderieren, lenken.

Einige wenige Leuchttürme gibt es, die Technik komplett integrieren, die Sekanten. Hier wird in vielen Bereichen die Technik genutzt, um analoge Lehrmethoden zu „revolutionieren“. Teilweise wird hier scheininnoviert: PDF ersetzen Papier, das Word-Dokument den Block. Es gibt aber auch andere Schulen, die deutlich vorangehen wollen, Smartphones und Tablets deutlich aktiver nutzen und Apps gezielt auswählen, um gemeinsam was zu lernen. Dank neuen Ideen offenen Schulleitern kann hier viel erreicht werden – im Idealfall erreicht man sogar das Interesse der Schüler. Aber das sind die gefühlten 1% der oberen Spitze der Pyramide…

Der Kreis ist rund und die Stunde hat 60 Minuten.

Soviel zur Theorie. Meine Schüler kennen vor allem die Passanten. Smartphones sind im Raum Lübeck meist auf dem Schulgelände komplett verboten, ein Verstoß führt zum Einkassieren des Gerätes, im Idealfall kann man es sich nach Schulende wieder abholen. Einzig mit direkter Erlaubnis ist das böse Gerät hervorzuholen. Dabei sollte doch gerade im Experimentierraum Schule, eben jenem Spielfeld vor der „realen Welt“, gezeigt werden, was man mit den Dingern alles anstellen kann: GPS Spielchen ala Geocaching in Erdkunde, Chemie-Apps (vom Periodensystem über Titrationstrainer gibt es hier eine Menge), Vokabel-Trainer, Lernspiele, Programmierungshilfen… Es gibt so vieles!

Liest man sich das Konzept von #BYOD durch, erscheint das perfekt geeignet für Schulen: Technik mitbringen und gezielt anwenden, um Kosten und Aufwand zu sparen. Schaut man sich nun Twitter, Facebook etc. an und liest sich ein paar negative Kommentare bezüglich Urheber- und Nutzungsrechten, Rechten am eigenen Bild, Angst vor Missbrauch und viele andere Ängste durch, will man sich am liebsten den Aluhut aufsetzen. Dazu kommen Argumente wie „Ich nutze nicht mein privates Gerät im Unterricht, wenn mir die Schule also kein Dienstgerät stellt, mache ich das nicht mit!“. Man fordert also #BYOD ein, ist aber nicht bereit, mitzumachen.

Was sagen meine Schüler dazu? In der Regel sind diese vor allem enttäuscht: Zuhause nutzen sie Suchmaschinen, vernetzen sich, lösen Aufgaben (halbwegs) kollaborativ im Netz oder schreiben mittlerweile effektiver ab, als wir es früher jemals gemacht haben. Und sie nutzen dafür all diese bösen Dienste, die im Experimentierraum Schule verboten sind.

TL;DR.

Ich hege ja weiterhin die Hoffnung, dass Schulen sich immer weiter öffnen und Technik zulassen. Die Schule bei uns gegenüber hat einen sehr schönen Weg gewählt: Sie haben ein eigenes Freifunk-Wifi und umgehen so etwaige Probleme. Das kann aber nicht die Lösung sein: Schulen müssen sich wandeln und endlich akzeptieren, dass Technik da ist. Nicht einmal besser, schneller oder effektiver. Denn wenn sie in den Köpfen angekommen ist, findet man über die Akzeptanz auch eine Möglichkeit zur Integration in den Unterricht, eben jene „Medienkompetenz“, die so oft gefordert wird. Und weg von der Tangente oder gar der Passante.

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